Deutscher Bundestag Platz der Republik 1
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Gedanken zum 3. Oktober

Der 3. Oktober, was sagt uns das?  Wir alle wissen, das ist der Tag der Deutschen Einheit. Aber was spüren wir im Inneren, wenn wir dieses Datum hören?

Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher inneren Unberührtheit, mit welcher emotionalen -man kann schon sagen Kälte- dieses Datum -3. Oktober- an mir selbst vorbeirauscht: gehört, aber nichts gefühlt.  Dabei müsste man doch in euphorische Stimmung geraten: 45 Jahre nach Kriegsende, nach 28 Jahren Mauer in Berlin wuchs wieder zusammen, was zusammengehört, wie Willy Brand das einmal formuliert hat. Aber der 3. Oktober? Diesem Tag fehlt irgendwie jeder Bezugspunkt zur Deutschen Geschichte. Wenn wir vom 17. Juni hören oder vom 9. November, da spürt jeder sofort, was diese Daten bedeuten. Jeder, der den 9. November 1989 erlebt hat, kann sich in der Regel noch daran erinnern, was er an diesem Tag gemacht hat, als er von der Maueröffnung erfahren hatte.

Der 3. Oktober 1990 aber steht für sich selbst. Geboren aus dem Streben heraus, vor dem 7. Oktober, dem „Tag der Republik“ fertig zu werden, um dann damit zu verhindern, dass die DDR noch ihren 41. Geburtstag feiert. So stolperte man im Hauruck in die Einheit. Die Einheit wurde vollendet durch den „Beitritt der Neuen Bundesländer“ zur alten Bundesrepublik (ART 23 GG). Eine gesamtdeutsche Verfassung haben wir bis heute nicht. Und wer sowas heute noch fordert, muss sich fragen lassen, was er damit erreichen will. Unter den gegenwärtigen Bedingungen und den politischen Mehrheitsverhältnissen würde dabei mit Sicherheit nichts Besseres herauskommen, als wir jetzt haben.

Die Deutschen in den Neuen Bundesländern mussten damals eine Umstrukturierung schultern, die Vielen sehr wehgetan hat. Existenzen wurden vernichtet. Manche kamen nie mehr auf die Beine. Im Westen hingegen wurden die Neuen Bundesländer als Absatzgebiet und als Chance begriffen. Wir haben bis heute kein ausgeglichenes Lohn- und Rentenniveau. Ost und West begegnen sich auch nach 30 Jahren Einheit immer noch nicht auf Augenhöhe. Das ist bedauerlich, aber leider nicht das Schlimmste.

Diejenigen nämlich, die es geschafft haben, die ihren Weg in dem zusammengewachsenen Deutschland gemacht haben, denen es nach schwierigen Jahren heute gut geht, müssen sich  fragen, ob sie das, was sie sich mühsam aufgebaut und erarbeitet haben, auch behalten können. Das gilt für die materiellen, aber auch für die damals erkämpften immateriellen Werte wie Freiheit und Freizügigkeit.

Der gegenwärtige Haushaltsplan des Bundes sieht eine Neuverschuldung gigantischen, geradezu beispiellosen Ausmaßes vor, die Generationen belasten wird. Deflation, Inflation, Insolvenzen auf Rekordniveau rollen auf uns zu wie eine Dampfwalze. Hastig gebastelte Gesetze sollen verhindern, dass die Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs vor der nächsten Bundestagswahl allzu deutlich sichtbar werden. Zeitgewinnen und tagespolitisch Agieren ist bei den Kartellparteien das Gebot der Stunde, um an der Macht zu bleiben.

Und- Hand aufs Herz – wer hätte am 3. Oktober 1990 gedacht, dass im neu gebildeten Gesamtdeutschland ein Großteil der Bevölkerung sich dazu zwingen lässt, mit nutzlosen Masken herumzulaufen, die nichts weiter sind als das Symbol der Unterwerfung? Dass mit einem Federstrich Freizügigkeit und Versammlungsfreiheit entkernt werden können?

Und wer hätte damals gedacht, dass sie wieder da sein werden, die Blockwarte und Denunzianten?

Wir müssen heute leider feststellen: nach 30 Jahren ist weder die Einheit im Inneren vollendet worden, noch ist das erhalten geblieben, was man sich an Freiheit erkämpft zu haben glaubte.

Man steht wieder da, wo man angefangen hat.

Aber liebe Freunde, jammern nutzt nichts. Wenn wir wollen, dass es besser wird, dass es überhaupt mal besser wird und dass die Nachgeborenen eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand vor sich haben, dann müssen wir auch etwas dafür tun. Das geht nicht ohne persönliches Risiko, ohne Haltung und ohne harte Arbeit.

Darum, und das ist mein Resümee: Nicht aufgeben!  Lasst es uns einfach nochmal versuchen!

Jens Maier